A. Beumers, Dr. J. Dahmen-Beumers, Benno Werth "Im Dialog"

Benno Werth muss im Raum der Euregio nicht vorgestellt werden. Als Professor an der Pädagogischen Fakultät der RWTH Aachen und später an der Fachhochschule Aachen hat er sich nicht nur als Lehrer, sondern auch als Künstler einen Namen gemacht. Seine Arbeiten prägen das Gesicht der Aachener Region, denkt man nur an seine Straßen- und Platzgestaltungen - stellvertretend soll hier das Gesamtkonzept des Elsaßplatzes, das Deliusviertel, die Scheibenstraße oder der Hermann-Heusch-Platz genannt werden - oder durch seine großen Skulpturen im öffentlichen Raum, wie die vor der ehemaligen Pädagogischen Fakultät oder die 1998 errichtete Brunnenanlage vor dem St. Antonius-Hospital in Eschweiler.

Aus diesem Grunde soll an dieser Stelle nur auf seine Bildsprache eingegangen werden, um anhand einiger Skulpturen und Bilder einen Eindruck zu vermitteln, was Benno Werth letztendlich mit seiner Kunst ausdrücken möchte.
Sein erklärtes Ziel ist es, mit dem Betrachter in einen Dialog zu treten - dies war auch der Titel einer Ausstellung auf der Burg Stolberg im Jahre 2000. Doch hat der Begriff Dialog für Benno Werth eine viel weitreichendere Bedeutung, die nicht nur die Beziehung zum Betrachter, sondern auch die Beziehung der Arbeiten untereinander charakterisiert. Sind auf den ersten Blick Malerei und Skulptur zwei getrennte Formen des künstlerischen Ausdrucks, so schafft Benno Werth es, beide künstlerischen Prinzipien in einen Dialog miteinander zu bringen, der als eine wichtige Komponente die Kunst Benno Werths bestimmt.
Der Titel der Stolberger Ausstellung ist für Benno Werth Programm: Ein Dialog setzt immer die Begegnung mit etwas oder jemand anderem voraus, ein Ausgehen von sich und eine Rückkehr zu sich selbst.
Die Begegnung mit der Kunst ist immer auch die Herausforderung, sich mit etwas Anderem, etwas Ungewohntem und manchmal auch Fremdartigem auseinander zu setzen. Es gibt die recht einfach zu „konsumierende" Kunst, die in realistischer Weise unsere Welt abbildet, es gibt die konkrete, ungegenständliche Kunst, die der Betrachter nur verstehen kann, wenn er sich mit den abstrakten Theorien des Künstlers beschäftigt, und es gibt die Kunst Benno Werths, die zwischen diesen beiden Extremen angesiedelt ist. Sie erschließt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick dem Betrachter, will ihn aber dazu auffordern, sich eingehender mit ihr zu befassen und ihre Vielschichtigkeit zu ergründen, mit anderen Worten, in einen Dialog mit ihr zu treten.
Es wäre zu schade, an den Skulpturen und Bildern Benno Werts vorbeizuflanieren und sich mit dem ästhetischen Genuss des Gesehenen zufrieden zu geben, man sollte sich schon ein wenig Zeit und Muße nehmen, um zum Beispiel zu entdecken, dass sich hinter den monochromen Farbfläche vieler seiner Bilde zahlreiche andere Farben verbergen, dass es überall Strudel und Spuren zu verfolgen, Strukturen und Tiefen zu erkunden gibt.
Hat sich der Betrachter erst einmal auf diesen Dialog mit dem Kunstwerk eingelassen, so wird er nach dem Ergründen der formalen Mittel des Kunstwerks dazu angeregt, über den Sinngehalt der Werke nachzudenken.

Benno Werth kombiniert häufig senkrechte, aufstrebende Formen mit horizontalen Linien oder Flächen, er setzt Komplementärfarben im direkten Verbund nebeneinander, er schafft massive Wände mit filigranen Durchbrüchen, kombiniert polierte Steinoberflächen mit unbearbeiteten.
Kurz: Er bringt bewusst Gegensatzpaare in eine harmonische Verbindung, um so zu zeigen, dass nur im Dialog aus Gegensätzlichem eine Harmonie, eine Vollkommenheit erreicht werden kann.
Die Gegensatzpaare sind nicht aus formalästhetischen Gründen gewählt, sondern bergen für Benno Werth festgelegte Sinngehalte: Die Senkrechte symbolisiert für ihn das aktive, spendende Prinzip, die Waagerechte das passive, aufnehmende Prinzip. Beide sind für ihn wertgleich, eines ohne das andere aber unvollständig. In der Synthese der beiden Prinzipien gelangt Werth zu so interessanten Lösungen wie seinen Turmfrauen. Der klassischen Form des Frauenaktes gibt Werth hier eine ganz neue individuelle Note.
Ähnlich setzt Benno Werth den Sinngehalt der Farben in Beziehung zum menschlichen Aktiv- bzw. Passivsein. In diesem Kontext symbolisiert ein helles, ins Gelb gehende Rot das frische, mit Sauerstoff angereicherte arterielle Blut des Menschen, und damit eine aktive Komponente, und ein dunkles, ins blau tendierende Rot das verbrauchte und damit passive venöse Blut, das aber gleichzeitig bereit ist, sich zur Aufnahme neuen Sauerstoffe zu öffnen. Somit werden die drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau zu elementaren Begriffen seiner Zeichensprache und bilden die Grundlage für eine unendliche Vielfalt von Verschmelzungen und Kombinationen.

Das ist Benno Werths Credo: Für sich alleine ist nichts vollständig, nur im Dialog, in der Auseinandersetzung mit dem Anderen, gelangt man zu Harmonie. Das ist nicht nur das ein Grundprinzip seiner Kunst, sondern seines Lebens selbst.

Dabei ist interessant zu beobachten, dass die Zusammenführung der gegensätzlichen Elemente deren Eigenheiten nicht etwa austilgt oder verschwimmen lässt, sondern, im Gegensatz, noch verstärkt. Eine blaue Fläche wirkt im Zusammenspiel mit der Komplementärfarbe Gelb weitaus intensiver als für sich allein.
Auch wenn einige seiner Werke Titel wie „Inferno", „Spuren der Gewalt" oder „Gefährliches Wasser" tragen, gemahnen sie damit zwar an Trostlosigkeit, Gefahr oder Leid, aber diese Werke bilden nichts Endgültiges und Unveränderbares ab, sondern bergen in sich den Ansatz von Bewegung, von Fluss, von Veränderung und somit von Hoffnung. Wie in einem Kampf der Naturgewalten ringen die Farben in dunklen und hellen Wirbeln miteinander, eben eine etwas heftigere Form des Dialoges.

Klaus Honnef hat in einem Artikel über Benno Werth einmal gesagt: „Dies ist gewiss keine Kunst, die aktuellen Tendenzen nachhängt, aber eine, die Bewusstsein weckt. Werth wandelt seinen künstlerischen Entwurf ständig, wobei er es sorgsam vermeidet, ihn modisch aufzuputzen, und schreitet seinen Weg konsequent weiter." Dieser Ausspruch, übrigens aus dem Jahr 1968, erfasst den Charakter der Werke Benno Werths hervorragend und ist auch heute noch zutreffend.

Selbst diejenigen, die seit Jahren die Arbeiten von Benno Werth kennen, werden immer wieder Neues entdecken, neue Farben, neue Formen, aber die Grundaussage der Werke bleibt über die Jahrzehnte der künstlerischen Entwicklung Benno Werths konstant: das Suchen und Finden des Dialoges, das Prinzip der Hoffnung, eine durch und durch menschliche und positive Lebenseinstellung.